*Gigantiops destructor, Haltung und Beobachtung


Post 1006 - 28.01.2010 10:06:37

Gigantiops destructor - Haltungserfahrungen


Ein Bericht vom 15.10.2005.
Gigantiops destructor


Ameisen mit guten visuellen Fähigkeiten interessierten mich immer besonders.
Die einheimischen Formica-Arten können sehr gut sehen und orientieren sich zum Grossteil optisch in ihren Lebensräumen. sie werden jedoch bei weitem übertroffen von den verwandten Cataglyphis. Nachdem die Mauer gefallen war und sich die Grenzen öffneten, konnte ich viele Arten der Cataglyphis im Freiland und auch in der Haltung beobachten.
Die mit grossen gewölbten Augen ausgestatteten australischen Myrmecia übertrafen mit ihren Sehfähigkeiten die optischen Möglichkeiten der Cataglyphis wiederum, die Myrmecia scheinen ihre guten Sehfähigkeiten nicht nur zur Orientierung und Verteidigung zu nutzen, sondern nutzen ihre Möglichkeiten auch aktiv bei der Jagd auf Beutetiere.
Anders als viele Cataglyphis durchstreifen die Myrmecia nicht große Räume in rasanter Geschwindigkeit, vielmehr bewegen sie sich die von mir gehaltenen Arten relativ langsam und beobachten dabei die unmittelbare Umgebung. Keine Bewegung in ihrer Nähe entgeht ihrer Aufmerksamkeit, sofort drehen sie den beweglichen Kopf in die Richtung der Bewegung und verharren dann manchmal minutenlang, darauf wartend, dass sich ein Beutetier zeigt und sich durch verräterische Bewegung offenbart.


Seit einiger Zeit halte ich eine kleine Kolonie der südamerikanischen Gigantiops destructor. Diese Ameisen haben überdimensionierte riesige Facettenaugen, die einen Grossteil des Gesichtes bzw. der Kopfvorderseite einnehmen. So erinnert der Ausdruck ihres "Gesichtes" an das Aussehen von Gottesanbeterinnen oder Libellen. Und ebenso wie bei diesen sind ihre Sehfähigkeiten enorm. Anders als diese solitär lebenden Insekten sind die Gigantiops aber soziale Insekten, so verbinden sich die Vorteile eines guten Sehsinns mit den Möglichkeiten der sozialen Lebensweise, so hilft ihnen ihr ausgeprägter Sehsinn nicht nur zum Nahrungserwerb und bei der Partnersuche der Geschlechtspartner, vielmehr ermöglicht er den Gigantiops weitere Möglichkeiten der Kommunikation innerhalb und außerhalb des Sozialverbandes. Die Gigantiops scheinen sich bei allen Formen der Kommunikation, der Orientierung, der Jagd usw. vor allem auf diese Möglichkeiten zu verlassen. Die hervorragenden Augen ermöglichen diesen Ameisen Formen der innerspezifischen Kommunikation, wie ich sie bei anderen Ameisen noch nicht gesehen habe. Offensichtlich erkennen die Tiere sogar Artangehörige optisch, lange vor dem ersten Fühlerkontakt findet Kommunikation auf visuellen Wege statt. Dies ist für Ameisen sicher einzigartig.


Begegnen sich zwei Kolonieangehörige auf einem Ast oder einem Blatt, beginnen sie ähnlich wie Springspinnen einander zu mustern, sich gegenseitig zugewandt bewegen sie sich einige Schritte seitwärts hin und her, trillern mit den goldglänzenden Fühlergeisseln und nähern sich einander ganz langsam im Zickzacklauf an. Dieser Tanz und das Fühlertrillern scheinen arttypische Erkennungssignale zu sein, an diesen Signalen (und vor allem daran, dass der Gegenüber dieses Alphabet kennt, es beherrscht und kommunikativ nutzt als Antwort) erkennen diese Ameisen Freund oder Feind. Erst wenn sie sicher sind, einen zumindest Artangehörigen vor sich zu haben, nähern sich die Ameisen vorsichtig, zögernd und geduckt einander bis auf Fühlerkontaktnähe, erkennen sie sich nun als Kolonieangehörige, kommt es zu einen ritualisierten Futteraustausch und zu gegenseitigen Putzen. Hierbei scheint der Austausch von Futter und der sonstige Kontakt nicht die Hauptsache zu sein, vielmehr scheinen die Ameisen sich vor allem gegenseitig ihrer gemeinsamen sozialen Herkunft versichern zu wollen. Nach wenigen Augenblicken trennen sich die Ameisen wieder und gehen ihren Geschäften nach. Begegnen sich nach kurzer zeit noch mal die gleichen beiden Tiere, lassen sie das Begrüßungsprozedere oft völlig ausfallen oder verkürzen es auf das Nötigste, obwohl sich die Ameisen nur sehen und sich noch nicht berührt haben. Ganz offensichtlich erkennen sich die Kolonienagehörigen bei dieser Art sogar optisch und individuell wieder auf Distanz! Denn kommt nun eine weitere Arbeiterin hinzu, wird sie wieder in gleicher Weise „erkennungsdienstlich“ behandelt, von den beiden Arbeiterinnen, die sich gegenseitig vorher schon identifiziert hatten.


Wenn die Kolonie aus verschiedenen Gründen die Behausung wechselt und umziehen muss, zeigen diese Ameisen eine weitere für mich völlig neue Art der Kommunikation. Viele Ameisenarten verstehen es ja, ortsunkundige Koloniemitglieder ins neue Nest zu tragen oder im Tandemlauf zu führen. Immer gehen die Aufforderungssignale jedoch von den Trägerinnen aus, sie veranlassen die zu tragenden Angehörigen mit einen arttypischen Aufforderungsverhalten dazu, sich tagen zu lassen. Die Aufgeforderten nehmen dann bei vielen Arten nach dieser Aufforderung und dem Zupacken durch die Trägerinnen eine typische Paketstellung ein, bei anderen Arten erstarren sie, legen die Beine an usw. usf.. Bei den Gigantiops können die Aufforderungssignale aber auch von den zu Tragenden ausgehen. Irgendwie spüren sie, welche der anderen Ameisen ein neues Zuhause schon kennt und gehen gezielt auf diese Kolonieangehörigen zu. Nun stellen sie sich vor diese und versuchen diese mit nicht sehr entschlossen wirkenden Bissen gegen die Mandibeln dazu zu bringen, sie zu packen. Ein Bettelverhalten, dass voraussetzt, dass die Tiere, die getragen werden möchten, „wissen“, dass ein Umzug ansteht und es ein neues Nest gibt. Gleichzeitig nehmen die auffordernden zu tragenden Ameisen eine Paketstellung ein, ziehen die Beine an, gebärden sich hilflos und bettelnd und erwarten so den Abtransport.
Es kommt nun vor, dass die aufgeforderten Trägerinnen keine Motivation zeigen, die Bettelnden tragen zu wollen, diese fallen dann auf die Seite, stehen auf und wirken irgendwie frustriert und suchen aktiv nach einer anderen Trägerin.


Die Gigantiops sind reine Tagtiere. Kurz vor dem "Sonnenuntergang" um 20 Uhr haben sich alle Tiere im Nest eingefunden. Sie brauchen Licht und können sich im Dunkel nicht gut zurechtfinden. Sind am Tage beide HQI-Lampen an und scheint dann auch noch die Sonne, zeigen sie jedoch, wozu sie fähig sind. Diese Ameisen springen von Ast zu Ast, überwinden dabei Entfernungen bis zu zwanzig Zentimetern, gehen die Sprünge abwärts, können es durchaus grössere Distanzen sein. Ganz ähnlich wie bei den Springspinnen werden die Entfernungen genau taxiert, dabei wird der Kopf und der Vorderkörper wippend hin und her bewegt, um die Entfernung auch zweidimensional einschätzen zu können. Anders als bei den Spinnen müssen diese Ameisen jedoch auf einen Sicherheitsfaden verzichten, umso grösser ist die Leistung der kleinen Kerlchen.


Auch bei der Jagd hilft den Gigantiops ihr hervorragender visueller Sinn. Mit grösster Behendigkeit werden Springschwänze und andere winzige Kleininsekten verfolgt und aufgepickt. Mit ihren schwachen Mandibeln können die Gigantiops wohl keine grossen Beutetiere erlegen.


Seit einiger Zeit lebt die Kolonie der Gigantiops in einem grossen Terrarium gemeinsam mit einer Myrmecia-Kolonie. Dies ist zwar nicht sehr authentisch, immerhin entstammen die Tiere verschiedenen Erdteilen, aber die Begegnungen zwischen beiden Arten waren anfangs sehr interessant und reizvoll. Immerhin haben ja auch die Myrmecia hervorragende Augen und so hatten diese die neuen Mitbewohner bald bemerkt. Die Gigantiops ihrerseits näherten sich anfangs neugierig dem Myrmecia-Nesteingang und musterten die merkwürdigen Fremdlinge intensiv. Frech näherten sie sich bis auf Fühlerkontaktnähe, stürmten die ob dieser Dreistigkeit erzürnten Myrmecia nun los, brachten sich die Gigantiops mit einem Sprung in Sicherheit. Es schien so, als ob die Gigantiops erst mal ihre Nachbarn kennen lernen wollten und einschätzen wollten, was von denen zu halten wäre. Nach einiger Zeit ließ das Interesse der Gigantiops nach, heute weichen sie den Myrmecia lediglich aus, ohne Anzeichen irgendeiner Beunruhigung zu zeigen. Man kennt sich...
In größter Not und Bedrängnis können die Gigantiops gezielt Ameisensäure versprühen, das genügt, um jeden Angreifer zum Ablassen zu bewegen. Bei den "Auseinandersetzungen" mit den Myrmecia konnte ich die Anwendung dieser Waffe bisher nicht beobachten. Obwohl die Gigantiops immer neugierig und aufmerksam sind, sind ihre Waffen defensiv im Kampf mit anderen grossen Ameisen und nicht geeignet, andere Ameisen ernsthaft zu gefährden und anhaltend zu bekämpfen. Ernsthafte Auseinandersetzungen mit anderen Ameisen werden auch in ihrer Heimat eher selten sein, die Gigantiops verfügen mit ihren leistungsfähigen Augen über derart überlegene Mittel, die es ihnen gestatten, jeder Auseinandersetzung weiträumig und im wahrsten Sinne des Wortes vorausschauend aus dem Wege zu gehen.


Im Gegensatz zu den ebenfalls mit gutem Sehsinn ausgetatteten Steppenbewohnern wie den Cataglyphis nutzen die Gigantiops ihre Augen wohl weniger zur Navigation nach Gestirnen oder fernen Landmarken, dies wäre im Regenwald auch schwierig. Ihre Augen sind tatsächlich zum Sehen in unübersichtlicher Vegetation geeignet, sie navigieren vorrangig nach Geländemarken wie Ästen und Zweigen, Blättern und anderem Inventar. Ihre gesamte Navigation und Orientierung verläuft optisch, Spurpheromone werden nicht eingesetzt. Dies hat für die Tiere den "Nachteil", dass sämtliche Kolonieangehörigen bei Umzügen getragen werden müssen, Rekrutierungen über Duftstrassen sind nicht möglich. Die Spezialisierung auf den Gesichtssinn ist derart ausgeprägt, dass kleine Veränderungen in der unmittelbaren Nestumgebung die Heimkehrenden irreführen, sie suchen nun lange nach den alten Nesteingang und können sich an neue Nestumgebungen nur schwer gewöhnen. Das bestätigen auch Freilandbeobachtungen, die Gerhard Kalytta mir mitteilte.
LG, Frank.