Cataglyphis bombycina Video (Freiland)


Post 35023 - 21.06.2015 15:50:17

Hey,


endlich bin ich mal zum Editieren der Videos gekommen, die ich in Tunesien dieses Frühjahr gemacht habe. Hier also ein Video von Cataglyphis bombycina.
Ich finde es hat etwas sehr meditatives ihren wundervollen Treiben zuzugucken. Am Ende sind auch Aufnahmen von Soldaten zu sehen, komplett gucken lohnt sich.
https://www.youtube.com/watch?v=5089nKofSvw


Grüße, Phil



Post 35029 - 21.06.2015 19:22:41

Hallo Phil,


schönes Video hast du da gemacht.
Interessant zu sehen, wie viele Milben am Eingangsbereich des Nestes unterwegs sind, hätte ich nicht gedacht bei diesen Umweltbedingungen.


Schönen Sonntag


Sven



Post 35030 - 21.06.2015 19:51:21

Danke Sven. Leider hat die YouTube Verwacklungskorrektur hat meinen Abspann ganz schön verwackelt, und die Szene bei 4:07 ganz schön trippy gemacht :D
Gutes Auge hast Du. Ich sehe nur in der letzten Szene ein paar runde Wesen, die ich aber nicht sicher als Milben identifizieren kann. Hab ich noch was übersehen?


Wenn wir schon bei Suchspielen sind; man sieht einmal kurz ein Männchen. Na, wer findet die Stelle?


Grüße, Phil



Post 35033 - 21.06.2015 20:44:57

Ein tolles Video. Da kriegt man richtig Lust auf mehr.
Ich hab übrigens neben den Ameisen hauptsächlich Sand gesehen.



Post 35036 - 21.06.2015 21:02:42

Hey,


ein wirklich tolles Video. Ich frage mich vor welchem Feind sie sich schützen wollen wenn sie nachts den Nesteingang verschließen und als einzigste unter den Cataglyphis die Soldatenkaste haben.
Ich meine ich hätte den Kopf eines Männchens im Nesteingang, an dieser Stelle des Videos gesehen: 1:56


Gruß Daniel



Post 35041 - 22.06.2015 05:48:03

Ja, korrekt Daniel :thumbup:
Ich glaube, dass sie den Nesteingang verschließen wegen anderen Ameisen. Aber ich habe hoffentlich bald den Tunesienbericht fertig, dann gibts dazu mehr Infos.


Grüße, Phil



Post 35042 - 22.06.2015 09:01:59

Tolles Video hast Du gemacht und auch noch auf Englisch kommentiert :thumbup:



Post 35043 - 22.06.2015 12:26:51

Habe die "Milben" auch nur im letzten Abschnitt gesehen, wahrscheinlich ist bei den anderen Szenen zu viel Aktivität.
Ob es Milben sind oder nicht kann man natürlich nicht genau sagen, nichtsdestotrotz hätte ich nicht gedacht, dass so kleine Tierchen bei Sonnenschein in der "Wüste" an die Oberfläche kommen.



Post 35050 - 22.06.2015 18:16:12

Ich habe an den Nesteingängen in diesem Jahr u.a. auch Springschwänze gesehen, überhaupt gab es viele winzige Tierchen im Sand in der Nähe der Nesteingänge der Cataglyphis. Viel mehr als sonst bei Besuchen in den kühleren Monaten, obgleich die bombycinus auch da stets aktiv waren. Ich könnte mir vorstellen, dass sich die Tierchen auch von Nahrungsabfällen ernähren, die die Cataglyphis ja gerne in den oberen, warmen und eingangsnahen Nestbereichen ablegen.
Die Wüste lebt eben...:D
Die Nesteingänge werden auch von anderen Cataglyphisarten zur Nacht verschlossen. Aber nicht immer. Am regelmässigsten, also an jedem Abend, habe ich das bei jungen nodus-Kolonien beobachtet. Bei denen erschliesst sich das auch leichter, im Umfeld gibt es immer Kolonien anderer, teils aggressiver Ameisen.
Meine bombycinus haben sich diese Arbeit im Terrarium weitgehend "abgewöhnt" und beschränken sich darauf, zum Abend etwas Sand in Richtung des Eingangs zu scharren, sie fühlen sich eben sicher.
Warum sie im Freiland ihre Eingänge immer verschliessen? Ich glaube nicht, dass hier andere Ameisen eine Bedrohung sind, es gibt kaum welche. Eher ist es vielleicht eine Vorsichtsmassnahme, sie siedeln halt im lockerem Sandboden, der durch Erschütterungen oder Sturm einstürzen und verwehen kann. Ein zugebauter Nesteingang kann nicht so leicht einstürzen.


LG, Frank.



Post 35052 - 22.06.2015 18:44:39

Nach mehrmaligen Anschauen tendiere ich auch eher in Richtung Springschwanz als Richtung Milben. Die "runden" Springschwänze gehören zur Unterordnung der Kugelspringer (Symphypleona), da gibt es einige sehr hitzetolerante Arten. Als ich dieses Jahr in Portugal war, habe ich einen Freund besucht der gerade seine Doktorarbeit über Springschwänze anfertigt. In seinem Garten zeigte er mir in der heißen Mittagssonne auf dem Steinpflaster (!) eine solche kleine, aber sehr hübsche Springschwanz Art, Fasciosminthurus quinquefasciatus. Die Bodentemperatur war sicher weit über 50°C, der Springschwanz quietschlebendig.
Leider war er so klein, dass meine Kamera an ihre Grenzen kam. Hier ein schlechtes Bild des hübschen Hüpfers (es wurde, wie man Schatten sieht aber am Nachmittag aufgenommen).


Warum sie im Freiland ihre Eingänge immer verschliessen? Ich glaube nicht, dass hier andere Ameisen eine Bedrohung sind, es gibt kaum welche. Eher ist es vielleicht eine Vorsichtsmassnahme, sie siedeln halt im lockerem Sandboden, der durch Erschütterungen oder Sturm einstürzen und verwehen kann. Ein zugebauter Nesteingang kann nicht so leicht einstürzen


Aber dann macht es doch keinen Unterschied, es könnte den Ameisen doch egal sein ob da was einstürzt, wenn sie es sowieso jeden Morgen wieder freischaufeln müssen. Ich glaube da steckt ein anderer Grund dahinter, und kein geringer; die Energie die es kostet soviel im Sand herumzuscharren ist sicher enorm, und das noch auf täglicher Basis. Die Ameisen-Vermeidungstheorie scheint mir weiterhin plausibel, da ist ganz schön viel los in der Nacht. Denkbar wäre weiterhin ein Temperatureffekt, die Wüste kann bekanntlich nachts sehr kalt werden, das schließen des Nesteingangs könnte einen zu hohen Temperaturverlust verhindern. Sicher gibt es noch weitere mögliche Erklärungen, da muss halt mal jemand dran forschen. Und an den Soldaten sowieso.


Grüße, Phil



Post 35055 - 22.06.2015 20:01:43

Nabend zusammen,


wirklich tolles Video.
Hat nur diese Art solch ausgeprägte Major Arbeiterinnen mit so großen Mandibeln oder ist es bei einer anderen Art auch bekannt.
Bei Treiberameisen habe ich solche Mandibeln schonmal gesehen, wusste nicht das es bei anderen Arten auch sowas gibt.



Post 35064 - 22.06.2015 22:09:52

Kann mich da meinen Vorredner nur anschließen:


Wirklich, wirklich tolles und informatives Video. Würde mich sehr über "Fortsetzungen" freuen :). Eine Frage: Wieso bombycina statt -us?



Post 35066 - 22.06.2015 22:30:32

Ich danke Euch!

Eine Frage: Wieso bombycina statt -us?

Da ich keine Ahnung von Nomenklatur hab, richte ich mich möglichst immer nachdem, was der Hymenoptera Name Server sagt. :pardon: Für Fortsetzungen hab ich leider kein Videomaterial mehr.


Eliteant: Die Soldaten kommen soweit ich weiß nur bei C. bombycina vor, und keiner anderen Cataglyphis. Allerdings gibt es weitere Arten in der bombycina-Artgruppe, die wenig bekannt sind und vielleicht auch solche Soldaten haben. Tatsächlich sehen die Mandibel denen von Eciton-Soldaten sehr ähnlich, aber sie sind doch zuimndest in der Funktion anders. Die Soldaten haben nicht viel Kraft darauf, sie kommen nicht durch die menschliche Haut. Vermutlich dienen sie eher zur Abschreckung, aber genau weiß das leider niemand. Warum die Soldaten existieren ist ein Rätsel...


Grüße, Phil



Post 35075 - 23.06.2015 08:38:45

So, ich muss mich korrigieren. Hugo Darras hat mich darauf aufmerksam gemacht, dass es tatsächlich noch bei einer ganz anderen Cataglyphis Art solche Soldaten gibt, und zwar bei Cataglyphis kurdistanica (hier die französische Beschreibung v. Pisarki 1965). Das ist insofern bemerkenswert, als dass diese gar nicht so nah mit dem bombycina verwandt sind, sondern in die altisquamis-Gruppe (wie z.B. C. hispanica) gehören.


Grüße, Phil



Post 35079 - 23.06.2015 12:14:10

Ich kann zur Entschlüsselung, wieso diese beide Arten Soldaten haben noch nicht viel Beitragen, da ich vorallem grade erst die Mendelsche Regeln verstanden hab und noch garnicht viel wissen in diesem Bereich besitze.


Ich geb mal einfach eine Hypothese, weshalb sich Soldaten bei diesen zwei Arten entwickelt haben könnten.
Dass es nur 2-3 (auf jeden Fall wenige) Soldaten pro Kolonie gibt, kann bedeuten, dass die Soldatenkaste eine junge Entwicklung der "Evolution" ist, oder dass es eine kleine Mutation ohne wirklichen Sinn ist. Man könnte z.B. ausschließen, dass sich dieses Phänomen zurückbildet, da keine anderen bekannten Cataglyphis Gattungen eine stark vertretene Soldatenkaste haben.


Die bicolor haben ja auch schon auf dem Thorax leicht silbrige Haare/Färbung. Aber der extreme Unterschied von der silbrigen Behaarung der bicolor und der bomycinus könnte der Grund einer Mutation sein .. Diese Mutation würde einer neuen Generation die Wege zum sielden in tiefere Wüstenregionen öffnen. Wenn man davon ausgeht, dass nur eine Generation diese Mutation hatte, könnte die Mutation wodurch die Soldaten entstanden sind ein Ergebnis der Inzucht sein .. Aber meine Überlegungen sind wie gesagt ohne Quellen o.ä. und beruhen auf dem Verstand eines Jungen der noch nicht viel Erfahrung in diesem Gebiet hat :shifty: .
Weshalb die Soldaten eine junge Entwicklung der Evolution seien sollten kann ich mir noch nicht erschließen.


Gruß Daniel



Post 35080 - 23.06.2015 13:19:09

Ich hab natürlich auch garkeine Ahnung vom Stammbaum der Cataglyphis, geschweige denn den, der bombyciunus.
Würde mich aber interessieren :). Falls jemand eine Internetseite mit den Stammbäumen von Ameisenarten kennt die es auch Anfängerfreundlich beschreiben, würde ich mir die gerne mal anschauen.


Gruß Daniel



Post 35082 - 23.06.2015 13:42:21

Hey Daniel,


es war amüsant, Deine Schilderung zu lesen, aber da bist Du etwas am Ziel vorbeigeschlittert. Ich versuchs dennoch mal ein wenig zurecht zu biegen.

Dass es nur 2-3 (auf jeden Fall wenige) Soldaten pro Kolonie gibt, kann bedeuten, dass die Soldatenkaste eine junge Entwicklung der "Evolution" ist, oder dass es eine kleine Mutation ohne wirklichen Sinn ist.


Die Soldatenkaste an sich kann keine "kleine" Mutation sein. Denn an der Entwicklung sind etliche Gene beteiligt, da die Soldaten nicht einfach nur größere Arbeiterinnen sind, sondern unterschiedliche Proportionen haben (z.B. viel längere und anders geformte Mandibel, andere Muskeln im Kopf etc.pp.). Der Soldat ist das Produkt einer langen Entwicklung, man sieht auch schon bei den Arbeiterinnen einen fließenden Übergang zu den Soldaten hin (eigentlich müsste man daher strenggenommen eher von Major sprechen). Deswegen ist das auch keine "junge Entwicklung", und die Anzahl der Soldaten im Nest ist eben genau jene Anzahl, die sich für die Gesamtfitness dieser Art als am sinnvollsten herausgestellt hat. Und der Soldat ist daher auch keineswegs ein Produkt von Inzucht :D
Auch die Haare sind sicher kein Produkt einer einzigen Mutation, sondern sehr vielen, die allesamt einem strikten Selektionsdruck (die Sonnenstrahlung) ausgesetzt waren.


Viel wichtiger als die Frage wie das ganze entstanden ist, ist doch die Frage warum es entstanden ist. Welchen Zweck erfüllen die Soldaten?
Das einzige was wir über diesen Zweck wissen ist, dass anscheinend nur wenige Soldaten notwendig sind, um ihn zu erfüllen.


Zum Stammbaum von Cataglyphis, vielleicht hilft Dir dieses Cladogramm aus der Revision von Agosti (1990). Es basiert auf morphologischen Charakteren, und ist sicher daher nicht mehr so aktuell.


EDIT: Hinweis, da ich gerade eine Anfrage per PN bekam. Die Zahlen sind durchnummerierte Syn- und Autapomorphien, deren Beschreibung ich weggelassen habe. Hier das Bild mit kompletter Beschreibung. Proformica gehört natürlich nicht zu Cataglyphis, sondern ist hier die Außengruppe.
Zum Lernen des Lesens von Kladogrammen empfehle ich zum Beispiel das hier oder Wikipedia.


Grüße, Phil



Post 35083 - 23.06.2015 13:48:16

Hey, gibt es den Hinweise darauf, dass es bestimmte Faktoren bzw. Auslöser für das Auftreten der Soldaten gibt? Wie z. B. viele konkurrierende Kolonien in der nahen Umgebung.



Post 35084 - 23.06.2015 13:54:16

Das habe ich auch schon vermutet. Bei Pheidole ist es z.B. nachgewiesen, dass Konkurrenzkolonien in der Nähe die Anzahl der Soldatenproduktion drastisch erhöht (Passera et al, 1996).
Aber leider konnte ich sowas natürlich in der einen Woche nicht austesten.


Grüße, Phil



Post 35088 - 23.06.2015 14:18:32

Ah, da wurden meine Hypothesen aber schnell widerlegt. Jetzt weiß ichs besser :D.
Achja, danke für den Stammbaum Ausschnitt.


Gruß Daniel



Post 35098 - 24.06.2015 23:18:56

Und tatsächlich konnte ich eine interessante Theorie zu den Soldaten (bzw. genauer zu den Ursachen der Abwesenheit von Soldaten bei den meisten Cataglyphis) finden.
In einem anderen Forum wurde ich durch Merkur auf folgende Studie aufmerksam, welche die Lebensdauer von Cataglyphis bicolor untersucht. Diese ist relativ gering, sobald die Tiere in den Außendienst übergehen, leben sie nur noch durchschnittlich 6,1 Tage. Aber das nur am Rande, die interessante Entdeckung ist ein Kommentar in der Studie, S. 359(hat Merkur vermutlich übersehen):

High turnover rates, finally, give rise to a large standing population inside the nest which is to replace the foragers. PORTER and JORGENSEN (1981) hypothesize that such a " reservoir" may inhibit the evolution of a morphologically specialized interior caste (see also WILSON, 1971, p. 346). The situation in C. bicolor and C. albicans is to that extent similar, as both species are essentially monomorphic (SCHMID-HEMPEL, 1983). An interesting exception within the genus Cataglyphis occurs in C. bombycina Roger 'where a morphologically distinct " soldier " caste is present (DELVE, 1957). Further investigation of individual life-histories of workers in such closely related species could undoubtedly shed light on the signfficance of forager longevity and worker turnover for the evolution of caste systems in ants.


Kurz gesagt; es wird vermutet, dass es durch die hohen Arbeiterinnen"verbrauch" verhindert wird, dass sich Kasten bei Cataglyphis herausbilden.
In der Studie, die hier zitiert wird, von Porter & Jorgensen, welche die kurze Lebenszeit bei Pogonomyrmex untersuchten, die der von C. bicolor überraschend ähnelt, schreiben dazu (S. 255):

The presence of a large reservoir of interior workers may also be an important factor limiting the evolution of physical castes. Oster and Wilson (1978) estimated that ant colonies perform 20-35 different tasks; of these, well over half are performed within the nest. In situations where foraging conditions require a large reservoir of forager replacements, it would often be more efficient to rely on this standing population of otherwise inactive workers to perform interior tasks than it would be to develop physically specialized interior workers. The high cost of producing such interior castes may simply not justify their increased efficiency if workers already in the forager reservoir could perform the same tasks.


Meine Vorhersage: Die Soldatenproduktion ist sehr kostenaufwendig. Daher haben die Soldaten vermutlich eine deutlich höhere Lebenszeit als normale Arbeiterinnen. Die Ursache dahinter liegt vermutlich auch darin, dass die Soldaten nicht furagieren, sondern die meiste Zeit in Nestnähe bleiben.


Vielleicht kann ja der Frank mal ein Auge auf die Lebenszeit der Soldaten in der Haltung haben, verglichen mit anderen Arbeiterinnen ;)


Grüße, Phil



Post 35103 - 25.06.2015 08:37:14

ich bin ja sehr gespannt, wie das in der Haltung aussieht, evtl stellt es sich heraus, dass die Lebensdauer gleich lang ist. Ich hoffe doch auch, dass den Arbeiterinnen der frühe Hitzetod erspart bleibt.
Die geringe Lebensdauer ergibt sich ja hauptsächlich daraus, dass sie zu lange in der Sonne sind. Sei es, dass sie sich zu weit vom Nest entfernen, oder sich mit der Größe der Beute übernehmen.


Eigentlich müssten sie sich ja ganz gut vermehren...


So weit mir bekannt ist, liegt es bei den Pogonomyrmex daran, dass sie oft in Revierstreitigkeiten verwickelt sind und dadurch oft nicht wieder heimkehren. Da hat das Ganze eher einen kriegerischen Ursprung.



Post 35104 - 25.06.2015 10:49:08

Moin,


ich hätte da mal eine kurze Verständnisfrage. Die Theorie besagt also, dass Cataglyphis, für gewöhnlich, keine verschiedenen Arbeiterinnen-Kasten gebildet haben, weil der Energieaufwand für die "Produktion" von Soldatinnen zu groß wäre. Nun sind ja aber zumindest die C. cf. bicolor, welche ich halte, stark polymorph. Wäre dann nicht aus dieses evolutionär gesehen unlogisch? Die Major-Arbeiterinnen wären dann ja auch reinste Energieverschwendung; zumindest wenn sie fouragieren. (Tun sie das?)


Und insgesamt sehe ich jetzt nur eine Theorie, warum oftmals eine Soldatinnen-Kaste fehlt. Hilft das denn nun bei der Antwort auf die Frage, warum sie bei C. bombycina überhaupt manchmal auftreten? (Das teilweise Ausbleiben könnte man dann ja wenigsten mit Energiemangel erklären.)


Und was den Zweck der Soldatinnen angeht, müssen diese denn heute überhaupt noch einen erfüllen? Vielleicht waren sie irgendwann in der Vergangenheit zweckdienlich, und sind somit nur noch ein Überbleibsel der Evolution.


Liebe Grüße,
Christian



Post 35105 - 25.06.2015 11:26:22

Hallo Christian,


berechtigte Fragen!

Die Theorie besagt also, dass Cataglyphis, für gewöhnlich, keine verschiedenen Arbeiterinnen-Kasten gebildet haben, weil der Energieaufwand für die "Produktion" von Soldatinnen zu groß wäre.


Nicht ganz. Es geht weniger um den Energieaufwand bei der Produktion, sondern um die Spezialisierung, also dem Vorhandensein einer weiteren Kaste. Wichtig für das Porter & Jorgssen vorgeschlagene Modell ist ein stetiger verfügbarer Arbeiterinnenpool im Nest, die jederzeit Außentiere ersetzen können. Eine Spezialisierung, also eine bestimmte Kaste wie die Soldatenkaste erfüllt andere Aufgaben im Nest. Wird eine solche Kaste produziert, wird dadurch der Arbeiterinnenpool kleiner, da sie nicht mehr 1 zu 1 austauschbar sind - ein Soldat/Major kann keine Außenarbeiterinnen mit dem selben Funktionsumfang ersetzen.
Möglicherweise ist das sogar die Begründung, warum es bei den C. bombycina nur so wenige Soldaten pro Nest gibt. Je weniger, umso besser für dne Arbeiterinnenpool. Aber anscheinend ist der Nutzen der Soldaten groß genug, dass sie weiterhin existieren. Zwei in unterschiedliche Richtungen wirkende Selektionsdrücke also, die Anzahl und Existenz der Soldaten ist ein Trade-Off.

Nun sind ja aber zumindest die C. cf. bicolor, welche ich halte, stark polymorph. Wäre dann nicht aus dieses evolutionär gesehen unlogisch? Die Major-Arbeiterinnen wären dann ja auch reinste Energieverschwendung; zumindest wenn sie fouragieren. (Tun sie das?)


Ich vermute stark, dass die Autoren unter Polymorphismus nur spezifische Kastendifferenzierung meinen; die Cataglyphis bicolor sind zwar unterschiedlich groß, aber sie haben keine echte Majore. Die großen Arbeiterinnen sind nur Kopien von Kleinen Arbeiterinnen ohne bestimmte Abänderungen wie in Relation längere Mandibel oder größere Köpfe (wie z.B. bei Camponotus - dort sind die Majore nicht einfach nur eine große Kopie, sondern sind anders gebaut). Denn solche Kleinen und Großen Arbeiterinnen gibt es bei absolut jeder Ameisenart zu einem gewissen Grad. Ganz sicher waren die untersuchten Kolonien im Freiland auch in dem Sinne polymorph, wie es Deine in der Haltung sind.

Und insgesamt sehe ich jetzt nur eine Theorie, warum oftmals eine Soldatinnen-Kaste fehlt. Hilft das denn nun bei der Antwort auf die Frage, warum sie bei C. bombycina überhaupt manchmal auftreten? (Das teilweise Ausbleiben könnte man dann ja wenigsten mit Energiemangel erklären.)


Nicht viel - aber wenn man weiß, wieso sie manchmal nicht da sind, impliziert das einen Umkehrschluss, warum sie da sein könnten.


Und was den Zweck der Soldatinnen angeht, müssen diese denn heute überhaupt noch einen erfüllen? Vielleicht waren sie irgendwann in der Vergangenheit zweckdienlich, und sind somit nur noch ein Überbleibsel der Evolution.


Ja, es könnte sein, dass die Soldaten früher häufiger auftraten und wegen Selektionsdrücken (z.B. um einen größeren Arbeiterinnenpool im Nest zu haben, siehe oben) diese Anzahl nun stetig abnimmt. Möglich wärs, aber ob's so ist... Das wäre schwer bis unmöglich nachzuweisen.


Grüße, Phil



Post 35107 - 25.06.2015 11:48:58

Hey Phil,


vielen Dank für die Antwort! Ist auf jeden Fall eine äußerst interessante Sache. Ich bin ja auch mal gespannt, ob die sich jetzt in Haltung befindlichen Jungkolonien später Soldatinnen aufziehen werden.


Liebe Grüße,
Christian



Post 35111 - 26.06.2015 08:53:57

Ich beobachte die Arten seit einigen Jahren, im Freiland wie auch in der Haltung. Ich bin mehr als skeptisch, wenn ich die pauschalen Aussagen lese, nach denen eine bicolor-Arbeiterin im Schnitt 6,1 Tage im Aussendienst überlebt. Ich habe die Tiere immer anders erlebt, keineswegs kann man sie meiner Meinung nach so pauschal beurteilen. Natürlich können die Bedingungen im nordafrikanischen Hochsommer mörderisch sein. Aber die Cataglyphis haben verschiedene Anpassungen, sind zB. wärmetoleranter als viele andere Arten oder haben speziellen Anpassungen. Und wenn die Bedingungen allzu mörderisch sind, verlassen auch sie nicht mehr ihre Nester. Sie sind ja nicht total blöd...:)


Gerade bei den bicolor hatte ich bei Freilandbeobachtungen immer wieder den Eindruck, "erfahrene" Tiere zu beobachten. Die haben dann schon einiges drauf, nicht alles, was sie können und tun, ist ihnen "angeboren", sie sind keine willenlosen Automaten. Sie lernen ebenso, wie es viele andere Tiere können, zB. suchen sie Stellen immer wieder auf, an denen sie erfolgreich Nahrung sammeln konnten, ebenso setzen sie immer wieder Problemlösungen und Strategien ein, die einmal erfolgreich waren. Die bicolor haben dabei andere Verhaltensweisen, sind opportunistisch und flexibel und gehen anders vor als zB. die C. bombycinus. Sie leben jedoch auch in anderen Habitaten mit diversen, anderen Möglichkeiten...
Egal. Ich wäre eher vorsichtig mit pauschalen Aussagen. Die Arbeiterinnen versuchen selbstverständlich, den "Hitzetod" zu vermeiden. Aber natürlich sind die Belastungen für den Organismus im heißen Hochsommer höher und irgendwann müssen die Arbeiterinnen auslaufen, um die Kolonie zu versorgen.
Viele Arten lösen das Problem aber, indem sie im Hochsommer eine Sommerpause einlegen und keinen oder weniger Nachwuchs aufziehen. Es müssen also weniger Arbeiterinnen für die Nahrungsversorgung ausschwärmen, das schont die Aussendienstlerinnen.
Arbeiterinnen der bicolor können ein biblisches Alter erreichen, zwei Jahre und mehr sind keine Seltenheit. Belege dafür hat zB. Volker geliefert mit seiner gemischten Kolonie, die aus zwei Arten, aus C. cf. desertorum und cf. viaticus bestand. Es war hier leicht, das Alter der Tiere zu beobachten, weil die Arbeiterin einer der Arten in der Kolonie nicht nachwuchs. Sicher werden die Tiere nicht im permanenten Aussendienst so alt, aber, für solche kleinen, bodenlebenden Insekten ist das trotzdem sehr viel und das ist nur möglich im Schutz einer Gemeinschaft, einer Kolonie.


LG, Frank.



Post 35114 - 26.06.2015 10:10:23

Hallo Frank,


die Studie wurde im Juli und August durchgeführt, wie es bei anderen Monaten aussieht ist unklar. Die Autoren vermuten übrigens, dass die Sterblichkeit weniger durch die Temperatur sondern hauptsächlich durch Prädatoren verursacht wird; alle Beobachtungen von getöteten Arbeiterinnen waren wegen Spinnen u.ä.. Es kann durchaus sein, dass das Prädationsrisiko geringer im Frühjahr ist, und daher dann auch die Arbeiterinnen älter werden.
In der Haltung sieht das natürlich anders aus, Schmid-Hempel hat das natürlich auch getestet und eine Lebensdauer von 4 Monaten und mehr festgestellt.


Bei den bombycina sind die Furagieraktivitäten übrigens auch sehr interessant; im Sommer kommen sie nämlich nur heraus, wenn die Temperatur fast das tödliche Maximum erreicht hat. Dabei schwärmt eine gewaltige Menge an Arbeiterinnen auf einmal heraus. Im Winter und Frühjahr dagegen ist eine geringere aber dafür mehr konstant über den Tag verteilte Arbeiterinnenanzahl unterwegs. Aus der Studie vonWehner & Wehner (2011):


Abbildung a ist im Sommer (Juli), man sieht zwei extreme Peaks an denen über 100 Arbeiterinnen innerhalb von kaum einer halben Stunde herausströmen.
Abb. b ist im Frühjahr (Mai), man sieht das während der gesamten Sonnenzeit mehr oder weniger konstant Arbeiterinnen aus dem Nest strömen, aber kaum mehr als 20 pro Zeitintervall.
Abb. c ist im Winter (Dezember), nur ganz wenige verlassen da das Nest.


Die Ursache dafür vermuten die Autoren in einer Eidechsenart (haben wir auf Djerba auch häufig gesehen), die einen hohen Prädationsdruck auf die Cataglyphis bombycina ausübt. Das kurze Intervall im Sommer, in dem die C. bombycina herausströmen, ist abhängig von der Bodentemperatur - diese ist dann zu heiß für die Eidechsen. Im Frühjahr und Winter ist es egal, da die Temperaturen nie so heiß werden, dass sich die Eidechsen verziehen.


Grüße, Phil



Post 35119 - 26.06.2015 18:48:24

Moin,


ich hatte dieses Video


https://www.youtube.com/watch?v=mCaVvHeI8jU


auch schon im HB von Frank gepostet. Dort sieht man anfänglich auch eine Echse. Vielleicht ist ja die obig von Phil angesprochene. Weiterhin wird auch das Ausschwärmen in Massen gezeigt.


Liebe Grüße,
Christian



Post 35127 - 27.06.2015 15:45:47

Hier ein paar Bilder der besagten Eidechse. Es handelt sich wohl um Acanthodactylus sp..



Grüße, Phil